35. Zwischenruf: Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Gina Wollinger





35. Zwischenruf: Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Gina Wollinger
„Fake News und Kriminalität. Dialog ist schwierig aber notwendig.“

In der aktuellen Krise stellen sich auch in der Gewalt- und Kriminalprävention drängende Fragen. Der Deutsche Präventionstag bietet mit den DPT-Zwischenrufen prominenten Fachvertreter*innen eine Stimme.

Die Audioaufzeichnungen der von Erich Marks geführten Expertengespräche können Sie auf der Seite des Deutschen Präventionstages abrufen: https://www.praeventionstag.de/go/zwischenrufe

https://www.praeventionstag.de

Auszug der Textfassung:

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Frau Professorin Dr. Gina Rosa Wollinger. Nach viel beachteten Forschungen zum Wohnungseinbruch am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ist Frau Wollinger als Soziologin und Kriminologin seit 2018 Professorin an der Hochschule für Polizei und Verwaltung NRW in Köln.

Frau Wollinger, ich grüße Sie herzlich, danke Ihnen für Ihre Bereitschaft zu diesem Zwischenruf und darf Sie zunächst nach Ihrem Verständnis zu Fake News fragen, die bei Ihnen heute im Mittelpunkt stehen sollen.
Mit dem Begriff Fake News werden Nachrichten bezeichnet, die falsch oder irreführend sind und bei denen der/die Verfasser/in der Nachricht einen Mangel an Wahrhaftigkeit aufweist, d.h., er/sie hat entweder bewusst die Unwahrheit gesagt oder für sie/ihn ist es nicht relevant, ob die Nachricht wahr ist.

Das Phänomen Fake News ist nicht neu, so gibt es Beispiele von Fake News die aus der Antike stammen. Neu sind jedoch die Dimension und die Auswirkungen von Fake News, welche durch Digitalisierung, soziale Medien und „Demokratisierung medialer Nachrichtenverbreitung“ ermöglicht wurden. Fake News sind nicht gleich zu setzen mit Verschwörungsfantasien, oftmals wirken sie jedoch zusammen, indem Fake News Verschwörungsfantasien bestärken können und verschwörungstheoretische Einstellungen wiederum anfällig für das Rezipieren von Fake News machen.

Was haben nun Fake News mit Kriminalität zu tun?
In den letzten Jahren sind vor allem Fake News mit politischem Hintergrund diskutiert worden, wie beispielsweise im Kontext des Brexits und der Amtsausübung von Donald Trump. Fake News wirken sich jedoch nicht nur auf politische Diskussionen und Felder aus, vielmehr scheinen Falschmeldungen auf zweierlei Weise auch kriminologisch relevant zu sein und während der Corona-Pandemie besonders virulent.

Zum einen existieren Fake News, die nicht durch (macht-)politische Motivation entstanden sind, sondern explizit zur Kriminalitätsbegehung aufgestellt werden. Hierbei handelt es sich beispielsweise um Falschmeldungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in Bezug auf Behandlungs- und Schutzmöglichkeiten (Fakeshops, falsche Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel bis hin zu Phishingmails). Fake News sind somit zu einem modus operandi geworden.

Zum anderen haben jedoch auch politisch motivierte Fake News Auswirkungen auf Kriminalitätsentstehung. Immer wieder gab es Vorfälle, in/bei denen aufgrund von Fake News quasi Selbstjustiz geübt und vermeintliche Täter angegriffen wurden. Zu Zeiten von Corona zeigt sich jedoch, dass Fake News mit (eher) politischem Hintergrund auch dazu führen, dass Menschen in den Anti-Corona-Maßnahmen Unterdrückung und unzulässigen Grundrechtseingriffe sehen, was wiederum u.a. dazu führt, dass Corona-Schutzverordnungen missachtet werden. Beispiele hierfür finden sich in den Demonstrationen der letzten Wochen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen. Etwas salopp gesagt: Ordnungswidrigkeiten werden plötzlich kriminologisch relevant (und interessant). Denn in der Begehung von Ordnungswidrigkeiten im Zusammenhang mit den Corona-Schutzmaßnahmen kommt eine Gemengelage von Verschwörungsannahmen, Fake News und Angst zum Ausdruck, die auf ein Problem der Demokratie und des Verhältnisses zwischen Bürger/in und Staat hinweisen und sich in abweichenden Verhalten ausdrücken. Dass es bei diesen Demonstrationen nicht nur um eine andere Einschätzung zur Bekämpfung der Pandemie geht, wird deutlich, wenn die einzelnen Akteursgruppen betrachtet werden. Unter den Demonstrierenden befanden sich nach Medienberichterstattung besonders viele Gruppierungen, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind oder sogenannten Verschwörungstheorien anhängen, welche generell ebenso eher Bezüge zu rechten Weltbildern aufweisen, wie die sogenannten Reichsbürger oder querdenken 711.

https://www.praeventionstag.de/dokumentation.cms/5256

Kriminologie