9. Zwischenruf: Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Martin Rettenberger





9. Zwischenruf: Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Martin Rettenberger

„Krisenbewältigung braucht Kreativität – auch und gerade im Bereich der Kriminalprävention“

In der aktuellen Krise stellen sich auch in der Gewalt- und Kriminalprävention drängende Fragen. Der Deutsche Präventionstag bietet mit den DPT-Zwischenrufen prominenten Fachvertreter*innen eine Stimme.

Die Audioaufzeichnungen der von Erich Marks geführten Expertengespräche können Sie auf der Seite des Deutschen Präventionstages abrufen: https://www.praeventionstag.de/go/zwischenrufe

https://www.praeventionstag.de

Auszug der Textfassung:

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Professor Dr. Martin Rettenberger, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) und Professor für Psychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Die KrimZ mit Sitz in Wiesbaden ist die zentrale Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Bundes und der Länder für kriminologisch-forensische Forschungsfragen.
Herr Rettenberger, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie zunächst fragen, welche Präventionsaspekte ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen.

Gesellschaft und Politik befinden sich zweifelsohne in einem Ausnahmezustand und die Bewältigung der Corona-Pandemie führt viele Bürgerinnen und Bürger sowie ganze Länder an die Grenzen der Belastbarkeit. Es ist aus vielen Gründen völlig nachvollziehbar, dass gesundheitspolitische und wirtschaftswissenschaftliche Aspekte im Vordergrund zu stehen haben. Gleichzeitig sollten Kriminalität und ihre Prävention nicht aus den Augen verloren werden, gerade weil Krisen und stürmische Zeiten oft neue Herausforderungen im Bereich der Kriminalprävention mit sich bringen.

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Es ist aus meiner Sicht positiv zu bewerten, dass in den vergangenen Tagen vermehrt über aktuelle Kriminalitätsphänomene berichtet wurde, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auftreten können. Die Kriminologie kennt die kreative Energie der Kriminalität nur allzu gut und es ist allgemein bekannt, dass die Strafverfolgungsbehörden, die Wissenschaft und sämtliche Präventionsakteure immer einen Schritt hinterher sind – ja, sein müssen: Zuerst müssen die negativen Ereignisse erkannt und benannt werden, bevor sie wirksam verhindert werden können. In Anbetracht der aktuellen Situation müssen wir allerdings vergleichsweise schnell reagieren und haben nicht Monate oder gar Jahre Zeit, bis wir wirksame Programme entwickelt und evaluiert haben.
Kriminalitätsbereiche, die gegenwärtig besondere präventive Aufmerksamkeit bekommen sollten, sind beispielsweise Kriminalität gegen ältere Menschen, die aufgrund der jüngsten Einschränkungen sozialer Kontakte ein höheres Risiko besitzen, Opfer von Betrugsdelikten zu werden. Gleiches gilt für die verschiedenen Formen des Onlinebetrugs und der Wirtschaftskriminalität, auch und gerade durch die – aus nachvollziehbaren Gründen – oftmals überhastete Einrichtung von unvorbereiteten Home Office-Arbeitsplätzen. Zuletzt sei auf die bereits in „normalen“ Zeiten immer noch viel zu hohen Kriminalitätsraten im Bereich der häuslichen Gewalt verwiesen, die derzeit und in den kommenden Wochen deutlich ansteigen werden.
Viele dieser aktuellen Kriminalitätsphänomene sind nicht neu, sie verlangen jedoch nach schnellen Lösungen und mahnen uns, dass wir einzelne Herausforderungen der Kriminalprävention stärker als bisher anpacken sollten: Dazu gehören unter anderem die weitere Erprobung und Ausbau onlinebasierter und telemedizinischer Unterstützungsangebote sowie die Entwicklung und Evaluation krisenfester Interventionsformen, die auch in Zeiten einer solchen Pandemie einsatzfähig bleiben.
Zuletzt möchte ich auf eine Gruppe bzw. eine Institution hinweisen, die bislang überhaupt keine Beachtung fand und die von einem Ausbruch bzw. Ansteckung besonders betroffen wäre bzw. besondere Herausforderungen zu bestehen hätte: die Institutionen des Justizvollzugs, also Gefängnisse oder Kliniken für Forensische Psychiatrie. Die Einschränkungen von Besuchsmöglichkeiten, von Ausführungen und Ausgängen bedeuten für inhaftierte Personen einen massiven Einschnitt in ihrem Alltag, der ohnehin schon immer in extremer Form von sozialer Distanzierung geprägt war. Gleichzeitig stehen die Justizbehörden vor der riesigen Herausforderung, einen Ausbruch der Krankheit mit allen Mitteln zu verhindern, da die anschließend notwendigen Maßnahmen im Justizvollzug riesige Belastungen mit sich brächten.

https://www.praeventionstag.de/dokumentation.cms/5230

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